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Warum entsteht Stroop-Interferenz? Verarbeitungsgeschwindigkeit, Automatisierung, selektive Aufmerksamkeit
Die Bedeutung eines Wortes zu ignorieren, das man sieht, ist schwer. Relative Verarbeitungsgeschwindigkeit, Automatisierung, das Modell der parallel verteilten Verarbeitung und Konfliktüberwachung: Theorien zur Stroop-Interferenz und ihre Grenzen.
Die Bedeutung eines Wortes zu ignorieren, das man vor Augen hat, ist schwieriger, als es scheint. Die Theorien zur Stroop-Interferenz lassen sich grob in vier Richtungen einteilen. Keine hat sich vollständig durchgesetzt; jede erklärt eine andere Seite des Phänomens gut.
1. Theorie der relativen Verarbeitungsgeschwindigkeit
Sie geht von einer alten Beobachtung aus: Cattell (1886) berichtete, dass Menschen Wörter schneller lesen, als sie Farben benennen. Die Theorie nimmt an, dass beide Informationen ein „Wettrennen“ bis zur Antwortstufe austragen. Die Wortinformation kommt zuerst an; um die Farbe zu benennen, muss man die bereits eingetroffene Wortantwort unterdrücken, und diese Zeit ist die Interferenz. Die Farbe kommt später an und stört das Wortlesen daher kaum. Das passt gut zur Asymmetrie der Originalstudie.
Die Grenzen sind jedoch deutlich. Dunbar und MacLeod (1984) zeigten, dass die Interferenz auch dann bestehen bleibt, wenn man das Lesen durch auf den Kopf gestellte oder rückwärts geschriebene Buchstaben langsamer macht als das Farbbenennen. Geschwindigkeit allein reicht als Erklärung also nicht aus.
2. Automatisierungstheorie
Für geübte Leser ist Lesen eine automatische Verarbeitung, die auch ohne Absicht abläuft (Posner & Snyder, 1975; Shiffrin & Schneider, 1977). Farbbenennen ist dagegen eine kontrollierte Verarbeitung, die Aufmerksamkeit erfordert; die sich von selbst aufdrängende Wortbedeutung mischt sich ein und erzeugt Interferenz. Das passt gut dazu, dass die Interferenz wächst, während Kinder lesen lernen, und dass sie bei Wörtern einer kaum bekannten Fremdsprache gering ist.
„Vollständig“ automatisch ist Lesen allerdings nicht. Besner und Kollegen (Besner, Stolz & Boutilier, 1997) berichteten, dass die Interferenz stark abnimmt, wenn nur ein einzelner Buchstabe statt des ganzen Wortes eingefärbt ist. Das belegt, dass auch automatische Verarbeitung schwächer werden kann – je nachdem, worauf die Aufmerksamkeit gerichtet ist.
3. Modell der parallel verteilten Verarbeitung
Cohen, Dunbar und McClelland (1990) modellierten den Wortpfad und den Farbpfad als neuronales Netz. Der viel geübte Wortpfad hat starke Verbindungen, der Farbpfad schwache. Das Aufgabenziel „Farbe benennen“ stärkt den Farbpfad, doch die Aktivierung des starken Wortpfads erlischt nicht ganz, sodass Interferenz bleibt. Das Modell erklärt in einem einzigen Rahmen die Asymmetrie, den Übungseffekt und die Tatsache, dass Automatisierung keine Frage von „ja oder nein“, sondern eine Frage des Grades ist.
4. Selektive Aufmerksamkeit und Konfliktüberwachung
Neuere Forschung sieht Interferenz als Problem der kognitiven Kontrolle. Typisch dafür ist die Theorie der Konfliktüberwachung: Das Gehirn erkennt den „Konflikt“ zwischen zwei Reaktionen und reagiert darauf, indem es das Aufgabenziel aufrechterhält und störende Informationen unterdrückt (Botvinick et al., 2001). Bildgebungsstudien berichten, dass der anteriore cinguläre Cortex an der Konflikterkennung und der dorsolaterale präfrontale Cortex an Zielerhaltung und Kontrolle beteiligt ist (MacDonald et al., 2000).
Diese Sicht erklärt gut den Einfluss der Reihenfolge der Durchgänge. Direkt nach einem inkongruenten Durchgang fällt die Interferenz tendenziell kleiner aus (Gratton, Coles & Donchin, 1992) – der gerade erlebte Konflikt fährt demnach die Kontrolle hoch. Bekannt ist auch der Proportions-Kongruenz-Effekt: Je mehr kongruente Durchgänge insgesamt vorkommen, desto größer ist die Interferenz (u. a. Logan & Zbrodoff, 1979).
Auf welcher Stufe entsteht die Interferenz?
Ob die Interferenz auf der semantischen Stufe entsteht, auf der die Wortbedeutung verarbeitet wird, oder auf der Antwortstufe, auf der man die zu drückende Taste auswählt, ist eine alte Streitfrage. Heute gehen viele davon aus, dass sie auf beiden Stufen entsteht. Klein (1964) berichtete, dass auch farbbezogene Wörter, die keine Farbwörter sind (etwa „Feuer“ oder „Himmel“), eine schwache Interferenz auslösen und farbfremde Wörter eine noch geringere. Je näher die Bedeutung an einer Farbe liegt, desto stärker ist die Störung.
Deshalb verwendet die neutrale Bedingung dieser Website eine bedeutungslose Zeichenfolge (XXXX). Hätte der neutrale Reiz auch nur eine entfernt farbbezogene Bedeutung, geriete die Vergleichsbasis ins Wanken.
Literatur
Cattell, J. M. (1886). The time it takes to see and name objects. Mind, 11(41), 63–65.
Dunbar, K., & MacLeod, C. M. (1984). A horse race of a different color: Stroop interference patterns with transformed words. Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 10(5), 622–639.
Besner, D., Stolz, J. A., & Boutilier, C. (1997). The Stroop effect and the myth of automaticity. Psychonomic Bulletin & Review, 4(2), 221–225.
Cohen, J. D., Dunbar, K., & McClelland, J. L. (1990). On the control of automatic processes: A parallel distributed processing account of the Stroop effect. Psychological Review, 97(3), 332–361.
Botvinick, M. M., Braver, T. S., Barch, D. M., Carter, C. S., & Cohen, J. D. (2001). Conflict monitoring and cognitive control. Psychological Review, 108(3), 624–652.
MacDonald, A. W., Cohen, J. D., Stenger, V. A., & Carter, C. S. (2000). Dissociating the role of the dorsolateral prefrontal and anterior cingulate cortex in cognitive control. Science, 288(5472), 1835–1838.
Gratton, G., Coles, M. G. H., & Donchin, E. (1992). Optimizing the use of information: Strategic control of activation of responses. Journal of Experimental Psychology: General, 121(4), 480–506.
Klein, G. S. (1964). Semantic power measured through the interference of words with color-naming. The American Journal of Psychology, 77(4), 576–588.